Thermik mit Taktik

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swisseagle
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Thermik mit Taktik

Beitragvon swisseagle » 28.07.2019 16:23

Lange ist es her - aber immer noch in guter Erinnerung: Beim Segelfliegen war neben der Thermik oft auch eine gut überlegte Taktik erforderlich, um dann oben zu bleiben, wenn die Kameraden kurz nach dem Windenschlepp wieder "absoffen". Ich flog seinerzeit vor allem die Ka 8 b, einen wendigen Trainings- und Leistungssegler, mit dem ich zahlreiche mehrstündige lokale und auch Streckenflüge ab dem Flughafen Köln-Bonn unternommen hatte.
Die thermischen Verhältnisse auf und rund um den Flughafen waren von März bis in den September hinein meist recht gut. Die weiten Betonflächen des Flughafengeländes mit seinen Gebäuden, Standplätzen, Rollwegen und Startbahnen heizten sich durch Sonneneinstrahlung kräftig auf und gaben diese Wärme in aufsteigenden Ablösungen (Warmluftblasen) ab. Diese Ablösungen waren für uns an plötzlich auftretenden horizontalen Windstössen erkennbar, wenn der aufsteigenden Warmluftblase kühlere Luft am Boden nachströmte.
Ohne eine gut überlegte Taktik funktionierten längere Thermikflüge allerdings oftmals nicht. Im Osten des Flughafens breitete sich ein ausgedehntes Waldgebiet aus. Dort war meistens "Saufen" angesagt, also Gleitflüge in abwärts gerichteten Luftströmungen, die nur mehr oder weniger ausgedehnte Platzrunden zuliessen. Da half alles hoffnungsvolle Starren auf das Variometer nichts, das nur in Richtung Sinken zeigte.
Eines Tages, an einem schönen Sommertag, starteten trotz vermuteten kräftigen Aufwinden einige Kameraden vor mir an der Schleppwinde und waren nach rund zehn Minuten wieder am Boden. Die Kollegen rauften sich die Haare und konnten nicht verstehen, was sie offenbar falsch gemacht hatten. Ich konnte das zuerst auch nicht begreifen, bis ich mich intensiver mit dem Geschehen befasste.
An dem besagten Tag herrschte mässiger Westwind. Flog man in maximal 500 m über Grund mit einer Freigabe der Flugsicherung in westliche Richtung über die zentralen Betonflächen des Flughafens, passierte allen Erwartungen zum Trotz - nichts. Ueber den Waldgebieten östlich der Hauptstartbahn wurde es gar nicht erst versucht, da man dort ohnehin nur Abwinde erwartete. Nun brachte ich nach einigen Ueberlegungen die herrschende Windrichtung ins Spiel. Die Thermik, die sich über den Betonflächen bildete, wurde vom Westwind nach Osten, also zum Waldgebiet hin versetzt. Die Warmluft stieg daher nicht senkrecht, sondern in schrägem Winkel auf. Folge: Nach dem Start flog ich zuerst nach Westen über das Zentrum des Flughafens und drehte dann in östliche Richtung, also zum Waldgebiet hin. Gespannt beobachtete ich mein Variometer, das ca. 1m/sec. Sinken anzeigte. Erst als ich bereits ein gutes Stück über die übliche Platzrunde hinaus geflogen war, sprang mitten über dem Waldgebiet der Zeiger meines Variometers auf Steigen, das immer kräftiger wurde. Diese Taktik war also voll aufgegangen. Die Erkenntnis einer durch Windeinflüsse schräg aufsteigenden Thermik war damit richtig.
Nach rund zweistündigem Thermikflug setzte ich höchst zufrieden zu Landung an und musste dann über die betretenen Gesichter meiner Kameraden schmunzeln, die sich dann aber von meiner Methode schnell überzeugen liessen.

Heutzutage, als TMG-Pilot, habe ich mit dem Propeller vor der Nase, solche tiefschürfenden Ueberlegungen kaum mehr nötig - obwohl ich sie manchmal gerne wieder hätte. Es ist doch ein erhebenderes Gefühl, sich nur mit der Kraft der Sonnenergie lange und über weite Strecken am Himmel zu bewegen, als einen grummelnden Motor vor sich zu haben. Benzin verdirbt bekanntlich den Segelflieger-Charakter. Aber schwitzend in der Sommerhitze auf dem Platz Segler hin- und her zu schieben und dann vielleicht nur ein paar Minuten um den Platz zu gurken, ist - speziell für einen Senior - auch nicht immer das Gelbe vom Ei.
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Flughafen Köln-Bonn (Sechzigerjahre)
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