Theorie - aber wie....

Hier geht es um das Thema Segelflugzeuge alle Typen und Muster

Moderator: aerotimmi

swisseagle
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Theorie - aber wie....

Beitragvon swisseagle » 23.09.2019 20:55

Manchmal lasse ich meine jahrzehntelange fliegerische Betätigung von Anfang an wieder Revue passieren. Und dabei kommen viele Erinnerungen hoch, die sich dauerhaft eingeprägt haben. Eine dieser Erinnerungen ist mein erster Segelflug-Theorieunterricht im Winter 1961.
Im Flussstrandbad meiner Heimatstadt hatte mich bereits im Sommer ein Kamerad dazu animiert, doch Mitglied im örtlichen Segelflugverein zu werden. Nach einigen Jahren Modellflug war das für mich der ersehnte Schritt zum persönlichen Fliegen.
Mit einigen weiteren Aspiranten lauschten wir während der ersten Segelflug-Theoriestunden gebannt den Ausführungen unseres Fluglehrers. Dieser war ein alter Hase und hatte während des zweiten Weltkrieges Flugschüler auf der viermotorigen Focke-Wulf-Condor ausgebildet. Als die Flugbeschränkungen in den Fünfzigerjahren durch die Alliierten aufgehoben wurden, widmete er sich wieder seinen Segelflugschülern.
A.L. begann seinen Vortrag mit dem Langsamflug bis zum Abreissen der Strömung sowie den entsprechenden Gefahren nebst eventuellen Folgen. Anschliessend ging unser Lehrer zum Fliegen mit überhöhter Geschwindigkeit über. Dabei bediente er sich einer ganz speziellen Methode: Er hielt ein kleines Holzröhrchen in seinen Händen vor uns hoch und bog es immer weiter durch, bis es schliesslich mit einem lauten Knacken zerbrach. Sein Kommentar zu dieser Vorführung: "Das passiert mit Euren Tragflächen, wenn ihr z.B. beim Abfangen aus dem Sturzflug zu heftig am Steuerknüppel zieht". Bildlich sehr eindrücklich...….
Nach weiteren Ausführungen kam das Thema Aussen- und Notlandungen zur Sprache. "Wie reagiert ihr, wenn ihr über einem Stadtgebiet herunter müsst und keine Landemöglichkeit mehr findet?" Ratlose Gesichter rundum. "Ihr sucht Euch ein hohes Gewerbegebäude mit grossen Fenstern. Dann fliegt ihr mit Mindestfahrt mitten in die Scheibe. Die Tragflächenwurzeln werden am beidseitigen Mauerwerk hängenbleiben und der Rumpf kommt im Raum ruckartig zum Stehen. Mit einiger Wahrscheinlichkeit werdet ihr das überleben können. Eventuell wird das glimpflicher ausgehen, als wenn ihr kopfüber in eine der Strassenschluchten abstürzt". Wir lauschten ziemlich betreten den Worten unseres Fluglehrers und dachten wohl mehr an japanische Kamikazepiloten als an uns angehende Segelflieger. Solche Crashlandungen dürften wohl eher unbeschadet überstanden werden, wenn ein Notlandefeld zu kurz geraten ist und der Bruchpilot auf einen Waldrand zuschiesst. Dann ist es wesentlich einleuchtender, mit der Rumpfspitze zwischen zwei Baumstämme zu zielen und die Tragflächen abzurasieren, als mit dem Cockpit frontal dagegen zu knallen. Trotzdem - Theorie und Praxis sind doch zwei ganz verschiedene Paar Schuhe...…. ;)



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