Fallschirmrettung und ihre Varianten

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swisseagle
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Fallschirmrettung und ihre Varianten

Beitragvon swisseagle » 10.10.2020 21:41

"Hast du einen Schirm und brauchst ihn nicht zur rechten Zeit, dann brauchst ihn nimmer, in alle Ewigkeit." Eine alte Weisheit, die bis heute ihre Gültigkeit nicht verloren hat - speziell für den Segelflug - aber nicht nur für ihn.
Wenn sich in den Sommermonaten ganze Pulks in der Thermik tummeln, ist die Kollisionsgefahr besonders gross.
Der eine Pilot kreist weniger routiniert und steigt nicht optimal; ein anderer nutzt den Aufwind besser und holt ihn von unten her ein. Oder - auch schon geschehen - ein Segler bewegt sich links herum - der andere rechts - und schon kann es krachen.
Die Vorschrift, nicht ohne Fallschirm ins Cockpit zu steigen, galt schon zu meiner Zeit als Segelflieger. Und das ist jetzt nicht weniger als fünfzig Jahre her. Der Schirm ist die einzige Möglichkeit, heil davonzukommen, wenn der Flieger unkontrollierbar wird und nur noch das Aussteigen als Option bleibt.
Wir unterscheiden den automatischen Fallschirm, den manuellen Schirm und neuerdings das Gesamtrettungssystem, an dem das ganze Flugzeug im Falle eines Falles am Lastenschirm zu Boden gleitet. Als Segelflieger vertrauten wir damals auf den automatischen Fallschirm. Dieser befand sich wie ein Rückenkissen stets im Flugzeug. Die Reissleine wurde mit speziellen Knoten im Gestänge des Metallgitterrumpfes hinter dem Pilotensitz befestigt. Vor dem Start legten wir die Fallschirmgurte an, stiegen ins Cockpit und klinkten den Fallschirm links und rechts in die Karabinerhaken des Gurtzeugs ein. Diese Fallschirmvariante besass den Vorteil, dass man sich im Notfall nach dem Abwurf der Cockpithaube aus dem Flieger fallen lassen konnte und das Körpergewicht den Schirm aus der am Flugzeug verbleibenden Hülle zog, worauf sich dieser innert Sekunden automatisch öffnete. Die Gefahr bestand darin, dass man nach dem Absprung keinen genügenden Abstand zum Flugzeug gewinnen konnte, von diesem erfasst wurde und mit ihm abstürzte.
Heute gehören moderne manuelle Rückenfallschirme, die im Falle eines Falles durch Ziehen des Auslösegriffes geöffnet werden, in der Segelflugszene zum Standard. Diese Schirme sind durch ihre Kompaktheit relativ bequem am Körper zu tragen und ermöglichen einen freien Fall, um genügend Abstand zum havarierten Segler zu gewinnen. Die Möglichkeit, beim Notausstieg mit dem Kopf gegen das Leitwerk zu schlagen und bewusstlos zu werden, ist natürlich gegeben. Auch eine Panikreaktion, die beim ersten Fallschirmabsprung zur Verwirrung und zur nicht rechtzeitigen Betätigung des Auslösegriffes führen kann, ist nicht grundsätzlich auszuschliessen.
Eine nicht zu unterschätzende Gefahr sind hohe g-Beschleunigungen, die z.B. beim Trudeln oder im Spiralsturz den Piloten so stark in seinen Sitz pressen, dass er sich nicht mehr aus dem Cockpit befreien kann. Wird er nach dem Losschnallen nicht durch die Fliehkräfte aus dem Sitz ins Freie geschleudert, kann es das dann gewesen sein. Neuere Entwicklungen gehen dahin, im Notfall nach dem Abwurf der Cockpithaube eine luftmatratzenähnliche Matte unter dem halb liegenden Piloten per Pressluft aufzublasen, die ihn bis zum Cockpitrand hochhebt, worauf er sich einfach über Bord rollen lassen kann.
Eine weitere Variante im Falle eines Falles ist das Gesamtrettungssystem, an dem das ganze Flugzeug samt Insassen am Lastenfallfirm zu Boden gleitet. Dieses System verbreitete sich zuerst in der Ultraleicht-Flugzeugszene, dehnt sich neuerdings zunehmend jedoch auch auf die E-Klasse aus. Im Notfall zündet die Besatzung mit dem Auslösegriff eine Rakete, die den Fallschirm aus seiner Box im havarierten Flugzeug zieht, an dem Flieger und Insassen dann sicher zu Boden schweben.

Trotz allen Fortschritten in der Fallschirmrettung können wir uns nur wünschen, dass wir keine von ihnen je in Anspruch nehmen müssen.


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