Erster Alleinflug............

Hier geht es um das Thema Segelflugzeuge alle Typen und Muster

Moderator: aerotimmi

swisseagle
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Erster Alleinflug............

Beitragvon swisseagle » 06.12.2018 20:42

Manchmal krame ich sie wieder hervor, um in alten Erinnerungen zu schwelgen: Meine Flugbücher. Etwas spartanisch sieht das erste, Jahrzehnte alte Exemplar schon aus - stoffbezogene blaue Kartondeckel ohne Aufschrift und leicht angegilbte Seiten mit den eingetragenen Flügen. Mein erster Schulflug ist mit dem Datum des 25. Februar 1961 verewigt. Im Schlepp einer Dornier Do 27 startete ich auf unserem süddeutschen Militärflugplatz mit einem Fluglehrer der Bundeswehr in unserem Doppelsitzer Mü 13 E "Bergfalke". Es war eine ausgedehnte Platzrunde und nach der Landung äusserte sich der Jet-Lehrer zu meiner "Knüppelei": "Du wirst ein guter Pilot". Darüber staune ich noch heute, denn ich halte mich auch aktuell nicht für ein herausragendes geflügeltes Talent. Allerdings immer vorsichtig und bedacht und stets risikobewusst; bisher ohne einen Kratzer an Mensch und Material - aber weit entfernt vom tollkühnen Mann in seiner fliegenden Kiste... Vielleicht hatte der Meister auf dem Sitz hinter mir gerade diese Eigenschaften bereits sehr, sehr früh erkannt...…… :idea:

Am 23.07.1961 folgte dann der 40. und letzte Schulflug mit unserem Vereinsvorstand und Fluglehrer, Alois L., einer Segelflug-Ikone in Bayern. Alois war ein bis in die Knochen begeisterter Flieger und ein Vorbild. Während des zweiten Weltkrieges agierte er auf dem betreffenden Militärplatz als Fluglehrer auf der viermotorigen Focke-Wulf-Condor. Bei einem Start kam die etwas untermotorsierte "Condor" nicht richtig vom Boden frei und prallte am Platzrand gegen eine Böschung. Der Lehrer wurde dabei schwer verletzt und verlor ein Auge. Mit einer Sondergenehmigung konnte er trotzdem nach dem Krieg mit der Segelfugschulung beginnen.

Nach der 40. Doppelsitzer-Landung trat Alois bedächtig auf mich zu und gab das o.k. für den ersten Alleinflug auf unserem Einsitzer, einem modifizierten Grunau Baby IIB mit Zentralrad und aufzusteckender geschlossener Cockpithaube. Ganz ehrlich: Schön mulmig war mir schon zu Mute - aber ich liess mir das nicht anmerken und stieg ins Cockpit. Als ich angeschnallt war, brachte ein Kamerad die Cockpithaube. Unser Lehrer stand daneben und gab die makabre Anweisung: "Sargdeckel drauf!" die ich mit einem etwas gequälten Lächeln quittierte.

Das Windenseil wurde in die Schleppkupplung eingeklinkt, ein Flügel angehoben und die grosse runde Tafel für den fernen Windenfahrer als Zeichen für das Anschleppen geschwenkt. Seil straff - ein kräftiger Ruck und wie beim Start auf einem Flugzeugträger schoss mein Segler nach vorne. Abheben, etwas nachdrücken und schon hing ich rauschend am Schleppseil. Ich lag fast auf dem Rücken - so steil ging es nach oben. Vor mir nur der Himmel. Um die Richtung während des Schlepps zu halten, blickte ich immer wieder kurz über die Schulter auf die lange betonierte Piste hinab. Bald wurde der Schlepp flacher und auf dem Gipfelpunkt klinkte das Schleppseil mit einem gut hörbaren Klack automatisch aus der Kupplung. Ich zog dreimal den Ausklinkknopf, um ganz sicher zu sein, dass sich kein eventueller Seilrest noch am Flieger befand.

Kurzer Geradeausflug - das Gefühl - ein Flugzeug erstmals ganz alleine zu steuern, war phänomenal. Rechtskurve, Fahrtmesser und Horizont beobachten - alles funktionierte wie so oft trainiert. Dann im Gegenanflug mit einigen Vollkreisen Höhe abbauen, Höhenmesser im Auge behalten, Queranflug und anschliessend in den Endanflug eindrehen. Ich fühlte mich bereits fast wie ein alter Hase, als ich auf die Graspiste zuschwebte. Da bemerkte ich unten unseren Alois, wie er seine Arme über dem Kopf wie eine Schere schwenkte. Kurze Verblüffung - dann erkannte ich, dass ich zu hoch war. Also raus mit den Luftbremsen. Sofort sackte mein Vogel nach unten weg - zu stark. Luftbremsen rein und die Sache schien zu stimmen - aber nicht ganz: Vor dem Aufsetzpunkt lag ein flacher Graben und den erwischte ich beim Abfangen noch mit dem Sporn unter dem Leitwerk. Eine relativ schwache Berührung: es passierte nichts.

Nach dem Ausrollen und Aussteigen eine insgesamt recht zufriedene Miene meines Lehrers. Dann das ungeschriebene Gesetz bzw. Ritual nach dem ersten Alleinflug: Meine Fliegerkameraden legten mich übers Knie und versohlten mir den Hintern. Ein Indianer kennt keinen Schmerz - das Glück - mich freigeflogen zu haben, überwog alles andere. :)



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